Auf den Spuren Napoleons

Meter, Maire und Code Civil. Französische Herrschaft am Rhein.

Der Verein für Heimatpflege Viersen widmet sich in seiner Ausstellung „Meter, Maire und Code Civil. Französische Herrschaft einem Kapitel Zeitgeschichte, dessen Spuren noch heute am Niederrhein zu finden sind. Die Ausstellung im Viersener Salon der Villa Marx nimmt vor allem die konkreten Auswirkungen der Franzosenzeit auf das Alltagsleben der Menschen in den Blick.
Ausstellung: Stadtgeschichte in Bildern
Foto: Napoleon Bonaparte (1769 – 1821) veränderte das Gesicht Europas;
Gemälde von Jacques-louis David, 1812 | © National Gallery of art / wikicommons

Mit der Eroberung der linksrheinischen Gebiete durch französische Revolutionstruppen 1794 begann die zwanzig Jahre dauernde Herrschaft der Franzosen am Niederrhein. Und für die Menschen in der Region begann eine Zeit tiefgreifender Veränderungen. Von 1801 an gehörten die linksrheinischen Gebiete zum französischen Staat. Und nun waren die Bewohner in allen Lebensbereichen gezwungen, Neuland zu betreten: Plötzlich lebten sie nicht mehr im Kurfürstentum Köln oder im Herzogtum Jülich bzw. Geldern, sondern sie waren Bürger der Französischen Republik im Département de la Roer. Sie hatten keinen Bürgermeister mehr, sondern einen „Maire“. Sie erlebten die Einführung einer neuen Währung, einer neuen Amtssprache, eines neuen Verwaltungssystems. Die jahrhundertelang gewachsene Macht- und Rechtsordnung hatte keine Gültigkeit mehr. Die Ständeordnung wurde zur bürgerlichen Zivilgesellschaft, Adel und Klerus verloren ihre Privilegien und ein neues Gesetzbuch, der Code Civil, garantierte allen Bürgern die Gleichheit vor dem Gesetz.

Auch Dinge, die dem Leben wie selbstverständlich Struktur gaben, hatten nun keine Gültigkeit mehr: Das metrische System mit Meter und Kilogramm ersetzte offiziell die alten Maße wie Elle, Fuß, Malter oder Scheffel. Und für einige Jahre sollte sogar eine neue Zeitrechnung Einzug halten: der Französische Revolutionskalender, bei dem der Jahreswechsel auf den 22. September festgelegt wurde und der Monat nicht mehr vier Wochen mit sieben, sondern drei Dekaden mit zehn Tagen umfasste. Aber in dieser Zeit wurden auch entscheidende Weichen für die Zukunft gestellt: Unter den neuen Machthabern entwickelte sich in der agrarisch geprägten Region allmählich ein modernes Wirtschaftssystem und manche in dieser Zeit entstehende Branchen wie das Textilgewerbe.

Zu den wenigen noch vorhandenen baulichen Zeugnissen dieser „Franzosenzeit" gehören die Reste des Nordkanals - „Grand Canal du Nord" -, dessen Bau bereits 1797 angeregt worden war und der den Rhein mit der Maas und Antwerpen verbinden und den Handel von den holländischen Häfen abziehen sollte. Nach mehrjährigen Voruntersuchungen zur günstigsten Trassierung ordnete Napoleon den Bau nach seinem Besuch am Niederrhein 1804 an, vier Jahre später begannen die Arbeiten. Doch nachdem die Niederlande 1810 Bestandteil Frankreichs geworden waren, entfiel ein wesentlicher Grund für den Bau des Kanals: Er wurde schon 1811 eingestellt. Fertig wurden unter anderem mehrere Kanalwärterhäuser. Eines davon liegt, von den meisten unbeachtet, an der Krefelder Straße in Viersen – „einziger Rest und einzige sichtbare Erinnerungsmarke an ein großes Projekt mit ehrgeiziger Zielsetzung“, wie Stadtarchivar Marcus Evers in seiner Publikation „Die Franzosen in Viersen“ schreibt. Auch die Straßenbezeichnungen „Kanalstraße“ und „Am alten Nordkanal“ nehmen Bezug auf diese Zeit.

Die Ausstellung in der Villa Marx, die von Dr. Britta Spies kuratiert wird, nimmt vor allem die konkreten Auswirkungen der Franzosenzeit auf das Alltagsleben der Menschen in den Blick, für die ihre vertraute Heimat in vielen Bereichen plötzlich zum unbekannten Neuland geworden war. Und sie zeigt auf, wie viele Dinge auch nach dem Abzug der Franzosen 1814 weiterhin selbstverständlicher Teil des Lebens geblieben sind. Lesungen runden das Programm der Ausstellung ab: Rita Mielke liest am 6. Oktober aus Briefen und Berichten von Constance de Salm und Germaine de Staël, die in ihrer Zeit das Deutschlandbild der Franzosen nachhaltig prägten. Reinhard Kaiser stellt am 3. November sein neues Buch „Rétif de la Bretonne Pariser Nächte“ vor.

Ausstellung im Themenjahr „NEULAND“ des Museumsnetzwerks Niederrhein.

Ausstellungszeitraum

15. September - 08. Dezember 2019

Ausstellungsort

Viersener Salon
Villa Marx
Gerberstraße 20
41748 Viersen

Öffnungszeiten

Donnerstag - Samstag
15.00 - 18.00 Uhr

Sonntag und Feiertage
11.00 - 18.00 Uhr

Einritt ist frei.